Suffizient und Schön

Die Arbeit am Stechlin-Institut und die Kooperationen haben uns sensibel für unser unmittelbares Umfeld, seine Geschichte und seine Menschen gemacht. Der dünn besiedelte Landstrich und seine Bewohner sind stark von der industrialisierten Landwirtschaft geprägt. Der Rückbau relevanter Infrastruktur hat in Bezug auf den Arbeitsmarkt und im Selbstverständnis der Menschen Wunden gerissen, die bisher kaum adressiert wurden. Die Resilienz der Böden, wie der Menschen hat Schaden genommen und die Kompetenz zu Nachhaltigkeit wurde ins Private verlagert. Nur noch dort wird nachhaltig Gemüse gepflanzt, wird repariert und ist “upcycling” aus purer ökonomischer Notwendigkeit noch immer eine alltägliche Praxis. 

Auf der anderen Seite erleben wir die Menschen aus den Städten, die mit der Sehnsucht nach dem Pastoral-Intakten ans Stechlin-Institut kommen. Sie weichen sie der räumlichen Verdichtung der Ballungszentren aus. Aber noch wesentlicher, sie suchen Wege aus der Kapitalisierung sämtlicher Lebensbereichs, um hier die Möglichkeiten größerer Selbstbestimmtheit, Freiheit und Kohärenzgefühl in einem natürlichen Ganzen zu erleben.


LandÜber

Dialog

Vorerst zwei Positionen
Stef:
Vielleicht will ich dran glauben, dass wir eine Chance haben, ein Klimaziel um die 2 Grad zu halten. Dass wir die Ausbeutung von Mensch und Erde überwinden und dem größten Desaster ever entgehen können. (Vielleicht auch meine Erfahrung der 80er, als ich als guter Waldorfschüler gegen das Waldsterben auf die Straße ging. Hat dann ja geklappt mit den Entschwefelungsanlagen und dem ganzen Kalk im Wald…)
Klar, jetzt ist es anders: Das Holozän ist vorbei. Damit auch das für die Menschheit klimatisch absolut angenehmste Zeitalter. Wie (ungemütlich) das Anthropozän ausfallen wird, ist offen. Mir bereitet die ungleiche Ressourcenverteilung und die Zerstörung des Planeten schon jetzt wiederkehrend Übelkeit. Und trotzdem gibt es in mir diese Überzeugung, dass wir es schaffen, ein Plateau für ein lebenswertes Leben auf diesem Planeten zu halten.

Romy:
Ich glaube, es ist vorbei. Ich glaube, es wird dem Planeten, in unserem Beisein, nie wieder so „gut“ gehen, wie in diesem Augenblick. Natur und Klima reflektieren gesellschaftliches Versagen und fordern radikales Umdenken.
Ich bezweifle die Umkehrbarkeit gesellschaftlicher Dynamiken, in Anbetracht sich verschärfender macht-, finanz-, nuklearpolitischer, kapitalistischer, religiöser und größter ökologischer Krisen. Wenn ich sehe, wohin sich Ahrenshoop in den letzten 16 Jahren entwickelt hat, werde ich sehr traurig.
Ich sehe nicht, wie die Konsumption des Planeten, des Ortes, von Flora und Fauna, gestoppt werden. Der Kapitalismus ist total.
Ich sehe weder Einsicht noch Demut, dafür grenzenlose Gier. Der Strand ist übersät mit ausgeschlachtetem Treibholz…
Befindet sich der Planet bereits im Prozess einer anthropogen ausgelösten Degeneration?
Atrophie des Planeten – als degenerativer Prozess? Mein Hirn schrumpft seit dreißig Jahren (Stef würde sagen: „leidet seit über dreißig Jahren an einem entzündlichen Prozess), phänomenologisch begleitet von black holes (Todeszonen) und Sklerotisierung (Desertifikation). Ich finds zwar grenzwertig, kann aber die Analogie zum gegenwärtigen Zustand des Planeten nicht vermeiden.
Das SI ist aus der Kontingenzerfahrung chronischer Atrophie hervorgegangen. Akzeptanz des Gegebenen als Voraussetzung für Coping. Gewidmet dem Lebendigen.
Ich glaube nicht an die Menschheit als Masse, aber an Einzelne. An Aktivisten und Sehende, an das Engagement von Spinnern, das im besten Fall Unzählige bewegt. Ermüdet von Debatten- und Ereiferungskultur der letzten Jahrzehnte haben wir das SI aufgebaut, weil wir etwas tun wollten (nicht nur künstlerisch /aufzeigen), eine andere Perspektive einnehmen und vor allem schaffen, gestalten, handeln –

Was wir wollen

Wir wollen gemeinsam anfangen das SI zu einem Ort zu bauen, der als biodiverse Nische und als Kristallisationspunkt für Widerständigkeit taugt. Zum Reallabor für digitale und analoge Hacks. Drin mit funktionaler Holzheizung. Drumrum mit Permakultur. Dahin mit einer eleganten Mobilitätslösung. Gemeinsam Arbeitsmodelle testen. Um die unmittelbare und die ferne Zukunft miteinander zu schreiben.

Das Stechlin-Institut soll im Rahmen planetarer Leitplanken wachsen. Wir verstehen Aufklärung und Moderne als Chance für Nachhaltigkeit. Und wehren uns entsprechend gegen die Vereinnahmung des ländlichen Raumes durch völkische Ideologien wie durch den Kommerz. Wir wollen keine Idylle, sondern nachhaltiges Wirtschaften als soziale Praxis umsetzen. Wir wollen Bodenwiederbelebung und Ressourcenproduktivität und soziale Teilhabe statt Ausbeutung. Die Digitalisierung kulturell und sozial gefasst als Chance nutzen und einen Ort schaffen, an dem Lebensqualität auf Wertschätzung, statt Wertschöpfung basiert. Wir wollen uns gegenseitig bilden. Den Ort verstehen und sehen, was wir tun können in dieser Situation und mit unseren prekären Mitteln. Sozial, suffizient und schön

 Mehr dazu bald hier.

Das Projekt

Ein hybrider Raum ist am Entstehen. Zwischen Stadt und Land. Nicht nur räumlich durch neue Mobilitäts- und Arbeitskonzepte geformt, sondern als inhaltliche Option eines anderen Lebens mit Suffizienz. Es gilt diesen hybriden Raum mit zivilgesellschaftlichen Inhalten zu füllen, die sich daran orientieren nachhaltige, resiliente Lösungen für drängende Probleme zu entwerfen und exemplarisch umzusetzen.

Bei dem Projekt LandÜber zielen wir darauf ab, Potenziale sozio-ökologischer Transformationen im ländlichen Raum zu erkunden mit Bezug zur Großstadt, denn die Nachverdichtung der Städte, die damit schwindenden Freiräume und die Ökonomisierung des öffentlichen Raums lassen den ländlichen Raum als Projektionsfläche für Zukünftiges. 

Gemeinsam mit 15 Menschen werden wir uns zwischen 2019 und 2020 dialogisch Nachhaltigkeitskonzepten für Leben, Arbeit, Mobilität und Gesundheit im hybriden Raum annähern, die nicht zwischen Stadt und Land unterscheiden, sondern die Potenziale beider “Welten” verbinden. Gemeinwohl-orientiert statt Profitgetrieben. Nachhaltig sozial und ökologisch verfasst. Alle Workshops sind auf die Querschnittsthemen Digitalisierung, Inklusion, den Stadt-Land Dialog und die demokratische Verfasstheit des ländlichen Umfelds ausgerichtet. Vor allem lokale Partnerorganisationen sollen in die praktischen Umsetzungen einbezogen werden. 

LandÜber erarbeitet Systeminnovationen der Nachhaltigkeit auf dem Land, um die soziale und kulturelle Dimension stärker im ökologischen Diskurs zu etablieren. Im Versuch die hohe Dynamik kumulativer Transformationsprozesse der Hauptstadt in unsere Region zu übertragen, fungiert das Stechlin-Institut als Scharnier zwischen Stadt und Land als Reallabor. Wir vernetzen Menschen aus beiden Kontexten in einer einjährigen Auseinandersetzung, an deren Ende eine Zukunftsstrategie für das Stechlin-Institut steht. 

Mehr dazu bald hier. 

LandÜber Bilddaten

No.1


quertransfer

Wir freuen uns sehr über die zweijährige Förderung unseres Projektes quertransfer aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF), die uns durch das Ministerium für Wirtschaft und Energie, sowie das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur zugesprochen wurde.

quertransfer ist unser Angebot an Unternehmen sich mit ihren Mitarbeitern auf eine neue Sichtweisen einzulassen und einen frischen Blick auf interne Prozesse zu bekommen. Aus unserer Erfahrung als Unternehmer*innen und Künstler*innen entwickeln wir gemeinsam mit allen Beteiligten partizipativ-innovierende Ansätze für nachhaltigen Wandel. Damit die Umsetzung gut funktioniert, wählen wir aus unserem Netzwerk Künstler*innen aus, die auf die spezifische Kooperation Lust haben und ihre Kompetenz für neue Perspektiven in diesem ausgewählten Umfeld einbringen wollen. So können sich alle auf einen spannenden Prozess freuen, der dabei hilft innovative Impulse rascher zu erkennen und ein Umfeld zu erzeugen in dem diese reproduzierbar werden.

 

 

Europäischer Sozialfonds Europäische Union Gefördert durch das Ministerium Wissenschaft und Energie und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

SchWErelos

kommt bald!